Die Entstehungsgeschichte Des Nathan Des Weisen

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  • Published : July 27, 2005
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Einleitung
Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion, durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät, wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Einspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewillt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat halten müssen." (Hermes, S. 12). Diese Worte Kants fallen in eine Zeit in der die evangelisch-lutherische Kirche und der absolutistische Staat durch das Landeskirchentum ein enges Bündnis geschlossen hatten und so nur schwer angreifbar waren. Das musste auch Gotthold Ephraim Lessing feststellen. Er wurde am 22.1. 1729 im Kamenz geboren und wuchs in der christlichen Tradition des väterlichen evangelisch- lutherischen Pfarrhauses und der Fürstenschule St. Afra in Meißen auf. Obwohl er das vom Vater gewünschte Theologiestudium schon nach einem Jahr abbrach, durchziehen theologische Fragen doch große Teile seines Werkes, was besonders im letzen Jahrzehnt seines Lebens sichtbar wurde: Er führte nicht nur erbitterte theologische Diskussionen, er veröffentlichte auch „Nathan den Weisen", „Die Freimaurer" und die Erziehung des Menschengeschlechts". Auf eben erwähnte theologische Diskussion, auch Fragmentenstreit gennant, bei der Lessing die Macht der anfangs genannten theologisch-staatlichen Allianz zu spüren bekommt, und auf den darauffolgenden „Nathan" möchte ich in dieser Arbeit eingehen. Da mein Augenmerk dabei speziell auf dem Thema „Entstehungsgeschichte des Nathan" liegt, werde ich allgemein beleuchten, was Lessing zum Nathan inspiriert hat, und das war eben nicht nur der Fragmentenstreit, sondern auch andere literarische, historische und biographische Quellen.

Nathan als 12 Anti-Goetze
1767- 69 arbeitet Lessing am hamburgischen Nationaltheater als Dramaturg. Zu dieser Zeit ist Johann Albert Hinrich nicht nur sein Arzt, er darf auch seine Bibliothek benützen, außerdem ist er mit Hinrichs Schwester Elise Reimarus gut befreundet. Durch diese beiden Geschwister gelangt Lessing an die „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes", die deren Vater Herman Samuel Reimarus geschrieben hat. Reimarus ist ein angesehener hamburger Bürger, der eine Professur für hebräisch und orientalisch am Akademischen Gymnasium bekleidet. In seiner Apologie übte der Deist Reimarus eine radikale Bibel-und Dogmenkritik, er ging dabei soweit die Offenbarungslehren zu bezweifeln. Seiner Meinung nach enthalte die reine Lehre Christi „eine vernünftige praktische Religion". Nur durch die Apostel, die Wundergeschichten in ihre Berichte eingeführt hätten, sei diese Lehre zu dem gemacht worden was sie heute ist, nämlich eine Religion die sich mit der Vernunft nicht vereinbaren lässt. Z.B. behauptet er anhand von Widersprüchen in der Auferstehungsgeschichte schlussfolgern zu dürfen, dass die Jesu Jünger die Leiche des gekreuzigten Jesu selbst haben verschwinden lassen, um durch die Osterpredigt Anhänger zu gewinnen und sich somit selbst zu Aposteln aufwerten zu können. Seiner Auffassung nach, hat Gott die Welt erschaffen, mit vernünftigen Naturgesetzen ausgestattet und sie sich dann selber überlassen, so dass sie nun ihren natürlichen Gang geht. Wunder oder gar Offenbarungen haben in Reimarus Religionslehre keinen Platz. So radikal diese Kritik ist, so gefährlich ist sie auch für denjenigen, der sie veröffentlicht. Reimarus hat diesen Mut nicht, denn er kann, wie im Vorbericht geäußert, „nicht auf Toleranz hoffen". Lessing dagegen hält die Zeit für reif: In den Köpfen der Leute sind die Ideen, wenn auch oft in nicht ganz so radikaler Form, weit verbreitet, aber die Kirche verbietet die Äußerung dieser Gedanken. Lessing möchte diese festgefahrenen Bedingungen aufbrechen und eine öffentliche Diskussion über Religion möglich machen. Doch sein erster Veröffentlichungsversuch scheitert an der Zensur. Erst 1774 findet Lessing eine...
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